Ein Regenschirm für diesen Tag

Michael Lösch beginnt seine Rezension von „Im Blauen bleiben“ mit dem Gedanken an eine Figur von Wilhelm Genazino. Den genannten Held kenne ich bislang nicht, aber ich erinnere mich an den anderen aus dem hier im Titel genannten Buch.
Und mit der Erinnerung an die Handlung und die Atmosphäre des Buches kommt auch das Einfühlen wieder, so subtil wie der Druck der Schuhe die der Protagonist testet, das ist sein Job.
Die als Schuhe gar nicht drücken, dazu sind sie von Haus aus zu gut gearbeitet. Sie zeichnen sich durch eine Reihe an Qualitätsmerkmalen aus, die nur der Erfahrene differenziert erfühlen und beschreiben kann. Es drückt den Helden beim Gehen in diesen Schuhen überall an Körper und Seele und am wenigsten an den Füßen. Denn es kommt in der Geschichte so, dass das alles nichts mehr wert ist: Beschreibung, Differenzierung, Qualität. Realität, absehbar, ein Roman über den Versuch des gut gemeinten Etablierens, der darum nicht gelingt.

„Das Leben ist wie ein verregneter Tag und ich bin der Regenschirm für diesen Tag.“ So erinnere ich mich an die Formulierung bei Wilhelm Genazino. Jetzt ist es mir klarer. Das sind Glück und Gewinn, interpretiert zu werden. In den Schuhen des anderen zu gehen.

https://einachtellorbeerblatt.wordpress.com/2015/01/28/rezension-norman-young-im-blauen-bleiben/

 

Ein zeitiger Achtzeiler

Diese Zeit

Diese Zeit ist so verwunden,
man kann sie schwer im Ganzen sehen,
und jede offene Tür heißt,
dass auch jemand geht.
Der alte Himmel strahlt in blau
durch wirre Äste ohne Laub
und zeigt mir, wie schnell ich vergess,
dass schon Dezember ist.

(Vorgeschmack auf Das weise Album)

 

Versuch einer Verbeugung

Wer hält nur den Klang geheim,
der uns mit der Welt vereint?
Was red ich hier? Ich wollte lieber singen.
Sind es die Stufen, die man zählt?
Und was ein Lied zusammen hält?
Ein Königreich für alle Melodien!

Alles, was den Glauben stärkt.
So weit der Mond, so groß der Schmerz.
Beweis es nicht. Nur Schönheit kannst du ehren.
Wie sie dich auch am Boden hält,
gefesselt und das Herz geschält.
Und von den Lippen saugt sie noch Bekehrung.

Gewohnt, gewesen, dann versunken,
in Räumen der Erinnerung.
Zu lieben reichte es nicht, allein zu leben.
Die Flaggen sind mir zu vertraut.
Ein Denkmal, wie auf Sand gebaut.
Ein Siegeszug, versprengt, auf schmalen Wegen.

Früher hast du mehr erzählt,
was dich so freut und was dich quält.
Jetzt schweigst du – nicht nur zum Besinnen.
Ich spür noch tiefer in mir drin,
wie zwei Außen sich zusammen fügen.
Mit heiligem Atem geben sie ein Innen.

Eines Schöpfers Name ist Vielleicht.
Ich weiß nicht, wie ich morgen heiß.
Doch Wort an Wort an Sinn erkenn ich wieder.
Der Eisberg unserer Seele kalbt.
Wo Liebe ist, ist auch Gewalt.
Im freien Fallen flirren ihre Lieder.

Hosianna!

Mehr als Abschied

Wer hat nur diese Seele
gespannt auf Wäscheleinen?
Sie soll gar nicht trocknen,
sie soll geschmeidig bleiben.

Für die Melodien
gäb ich alle Königreiche.
Um sie aufzuspüren
geh ich auf die Reise.

Ich will die Schneeflocken
am Himmel oben halten,
um sie zu studieren
in ihren Einzigartigkeiten.

Die Galaxien deiner Augen
lichtjahrelang durchjagen.
Es muss ja nicht so schnell sein,
aber ich will die Zeit haben.

Das Leben wächst und zehrt
mit seinen Umlaufbahnen.

Mehr als Abschied
kann ich nicht leisten.
Aber ist es nicht schon mehr
als die allermeisten
zu sagen hätten?
Ich vertrau den Jahreszeiten.

© Norman Young

(Vorgeschmack auf Die Verschmelzung der Welt, to be recorded Feb/March 2015)